Bradley Manning — Militärhaft für Zivilcourage [Update]

Bradley Manning

© CC BY-​​SA BradleyManning.org


Seit nun­mehr sie­ben Mona­ten sitzt der gerade dreiund­zwanzig­ gewor­dene Brad­ley Man­ning in Militär­haft, weil er die Zivil­courage besaß, Kriegs­verbrechen der USA publik zu machen.
Zivil­courage scheint aber bei der US-​​Army offen­sichtlich nicht gefragt zu sein.

Ein hoher Preis

Wie sein Militär­vertei­diger berich­tet, zahlt Man­ning für sei­nen Mut und Anstand einen hohen Preis: Er wird seit fünf Mona­ten in einem Hoch­sicherheits­gefäng­nis in Iso­la­tions­haft gehal­ten — zuvor war er unter vergleich­baren Bedin­gun­gen in Kuwait inhaftiert.

Seine knapp zwei mal vier Meter mes­sende Zelle ent­hält nur ein Bett, ein Trink­becken (drin­king foun­tain) und eine Toi­lette. Ein Stuhl und ein Tisch wer­den ihm vorent­halten, ebenso Kis­sen und Bett­la­ken, er hat nur zwei Decken (kor­ri­giert, “blan­kets” = Decken, nicht Laken, wie ich zuerst fälsch­lich über­setzt hatte, also zwei Decken, kein Laken, anstatt umge­kehrt).
Seine Mahl­zei­ten muß er in der Zelle ein­neh­men, offen­sicht­lich ent­we­der ste­hend oder auf dem Bett sitzend.

Momen­tan alleine in sei­nem Trakt, kann er Mit­gefangene nicht ein­mal hören.
Bis auf die Über­prü­fung, ob er OK sei, die alle fünf Minu­ten (!) erfolgt, und die er dann bestä­ti­gen muß, spre­chen die Wäch­ter nicht mit ihm.
Ist er nachts nicht klar erkenn­bar, weil er sich zur Wand gedreht oder ein Bett­la­ken über den Kopf gezo­gen hat, so wird er für die Über­prü­fung geweckt.

Mor­gens um fünf (an Wochen­enden um sie­ben) wird er geweckt und bis abends um acht an wei­te­rem Schlaf gehindert.

Ein bis drei Stun­den täg­lich (an Wochen­enden drei bis sechs) darf er Lokal­fernsehen schauen.

Aus einer Liste von fünf­zehn Büchern oder Maga­zi­nen, deren Aus­wahl geprüft und künst­lich ver­kom­pli­ziert wird, darf er eines zum Lesen anfor­dern. In sei­ner Zelle darf immer nur eines sein; die­ses wird ihm über Nacht weg­ge­nom­men, ebenso wie seine Klei­dung (die Unter­hose darf er anbe­hal­ten). Gene­rell sind keine per­sön­li­chen Gegen­stände zugelassen.

Abends darf er von 19 bis 21h20 Briefe ver­fas­sen, aber nur an Fami­lie, Freunde und Anwälte. Briefe emp­fan­gen darf er nur von einer Liste geneh­mig­ter Emp­fän­ger. Errei­chen ihn andere Briefe, muß er die Zurück­wei­sung die­ser Briefe quit­tie­ren.
Auf Kos­ten die­ser Zeit darf er auch duschen.

Seine Zelle darf er nur eine Stunde täg­lich ver­las­sen. Dann wird er in einen lee­ren Raum geführt, in dem er her­um­lau­fen darf. Sobald er damit inne­hält, wird er zurück in seine Zelle geführt. Dar­über­hin­aus wird ihm jeg­li­che sport­li­che Betä­ti­gung gezielt ver­wehrt — und seien es nur Lie­ge­stütz oder Rumpfbeugen.

Warum diese Behandlung?

Neben dem Ent­zug mensch­li­cher, intel­lek­tu­el­ler, sen­so­ri­scher und kör­per­li­cher Sti­muli soll Man­ning offen­bar gezielt die Men­schen­würde genom­men wer­den. Lei­der scheint diese Stra­te­gie lang­sam auf­zu­ge­hen.
Wie der Guar­dian einen regel­mä­ßi­gen Besu­cher Man­nings, David House, zitiert, beginnt die­ser kör­per­lich und geis­tig zu ver­fal­len. In den ver­gan­ge­nen Wochen habe er einen ste­ti­gen Ver­fall in Man­nings men­ta­lem und phy­si­schen Wohl­be­fin­den regis­triert. House führt dies auf Iso­la­ti­ons­haft und Trai­nings­ver­bot zurück. Ursprüng­lich habe er geglaubt, die Iso­la­ti­ons­haft diene Man­nings Sicher­heit. Inzwi­schen sei aber klar, das es um Bestra­fung, nicht um Sicher­heit gehe.

Warum diese Behand­lung, hat sich doch Man­ning als Muster-​​Häftling dar­ge­stellt, ohne Gewalt– oder Disziplinprobleme?

Selbst ange­sichts der völ­lig ver­lot­ter­ten ame­ri­ka­ni­schen Dop­pel­mo­ral gegen­über Kriegs­ge­fan­ge­nen (Stich­worte: Sys­te­ma­ti­sche Fol­ter und Ver­ge­wal­ti­gung in Abu Ghu­raib, sys­te­ma­ti­sche Fol­ter in Guan­ta­namo durch Water­boar­ding und sen­so­ri­sche Depri­va­tion sowie gerade neu schwer­wie­gen­der Ver­dacht auf phar­ma­ko­lo­gi­sche Fol­ter durch 35fach über­do­sier­tes Meflo­quin) ver­wun­dert doch die Härte des Vor­ge­hens gegen einen ame­ri­ka­ni­schen Staatsbürger.

Dafür gibt es meh­rere Erklä­run­gen, ein­fa­che und komplizierte.

Zu den ein­fa­chen gehört, daß — apro­pos völ­lig ver­lot­terte ame­ri­ka­ni­sche Moral — Ein­zel­haft dort gegen bes­se­res Wis­sen als ange­mes­sen betrach­tet wird. Ent­spre­chende Erkennt­nisse, die sich in zivi­li­sier­te­ren Staa­ten schon län­ger durch­ge­setzt haben (selbst Tune­sien ist in die­sem Punkt zivi­li­sier­ter als die USA), schie­nen dort noch 2009 eher uner­hört, wie das große Echo auf Arti­kel “Hell­hole” des Arz­tes Atul Gawande im New Yor­ker zeigt. Schließ­lich bedurfte es dort anschei­nend eines Arti­kels im “Jour­nal of the Ame­ri­can Aca­demy of Psych­ia­try and the Law”, 2010, um zur Erkennt­nis zu gelangen

Soli­tary con­fi­ne­ment is reco­gnized as dif­fi­cult to with­stand; indeed, psy­cho­lo­gi­cal stres­sors such as iso­la­tion can be as cli­ni­cally distres­sing as phy­si­cal torture

Erklä­ren läßt sich dies nur mit einem Rück­fall in frü­here noch bar­ba­ri­schere Zei­ten. Und doch waren frü­here Zei­ten in den USA weni­ger bar­ba­risch, als heute. Salon.com belegt dies mit alten Gerichts­ur­tei­len:

More than a cen­tury ago, U.S. courts under­s­tood that soli­tary con­fi­ne­ment was a bar­ba­ric punish­ment that sever­ely har­med the men­tal and phy­si­cal health of those sub­jec­ted to it.  The Supreme Court’s 1890 deci­sion in In re Med­ley noted that as a result of soli­tary con­fi­ne­ment as prac­ticed in the early days of the United Sta­tes, many “pri­soners fell, after even a short con­fi­ne­ment, into a semi-​​fatuous con­di­tion… and others became vio­lently insane; others still, com­mit­ted sui­cide; while those who stood the ordeal bet­ter… [often] did not reco­ver suf­fi­ci­ent men­tal activity to be of any sub­se­quent ser­vice to the community.”  And in its 1940 deci­sion in Cham­bers v. Flo­rida, the Court cha­rac­te­ri­zed pro­lon­ged soli­tary con­fi­ne­ment as “torture” and com­pa­red it to “[t]he rack, the thumbscrew, [and] the wheel.”

Zu die­sen ver­kom­me­nen Moral­stan­dards kommt offen­bar hinzu, daß Man­ning die ver­lo­gene Polit– und Mili­tär­dok­trin vom hel­den­haf­ten Krieg so deut­lich Lügen gestraft hat. Inso­fern scheint also der Wille zu beste­hen, hier ein Exem­pel zu statuieren.

Doch läßt sich so das lange Nichts­tun erklä­ren? Noch immer wurde keine Anklage erho­ben. Einer­seits dro­hen Man­ning bis zu 52 Jahre Haft wegen Hoch­ver­rats, ande­rer­seits kommt der Pro­zeß offen­bar nicht in Gang.

Zu den kom­pli­zier­te­ren Erklä­run­gen gehört der von Kri­ti­kern erho­bene Vor­wurf, ein Pro­zeß werde bewußt ver­schleppt, um die Sicher­heits­lecks in Man­nings Arbeits­um­feld nicht öffent­lich wer­den zu lassen.

Erpres­sung durch Folter?

Aktu­ell häu­fen sich Hin­weise, Man­ning werde benö­tigt, um Julian Ass­ange zu belas­ten.
Ange­sichts der Haft­be­din­gun­gen erschie­nen Spe­ku­la­tio­nen, von Man­ning solle eine der­ar­tige Aus­sage erpreßt wer­den, nicht mehr son­der­lich weit her­ge­holt. So berich­tet der Inde­pen­dent am Frei­tag, dem 17.12.:

Ame­ri­can offi­ci­als view per­sua­ding Pte Man­ning to give evi­dence that Mr Ass­ange encou­ra­ged him to dis­se­mi­nate clas­si­fied Pen­ta­gon and State Depart­ment files as cru­cial to any pro­s­pect of extra­dit­ing him for a suc­cess­ful pro­se­cu­tion. To faci­li­tate that, Pte Man­ning may be moved from mili­tary to civi­lian cus­tody, they say. […] But mem­bers of his sup­port net­work insist that he has not co-​​operated with the aut­ho­ri­ties since his arrest in May.

Von einer gelo­cker­ten Unter­brin­gung erhofft man sich offen­bar die Über­zeu­gungs­kraft, die die Iso­la­ti­ons­haft beim kör­per­lich und geis­tig schwer ange­schla­ge­nen Häft­ling nicht mehr hat.
Den “Ame­ri­can Offi­ci­als” kommt die­ser Zustand offen­bar zupaß. So schreibt der Inde­pen­dent am Fol­ge­tag:

Yes­ter­day US sour­ces revea­led that pro­se­cu­tors are await­ing a deci­sion from the Ame­ri­can Attorney-​​General, Eric Hol­der, on what form of plea bar­gai­ning they should offer to Man­ning in return for him incri­mi­na­ting Mr Ass­ange as a fel­low con­spi­ra­tor in dis­se­mi­na­ting the clas­si­fied information.

Offi­ci­als at the US Justice Depart­ment, who are under acute pres­sure to pro­se­cute, pri­va­tely ack­now­ledge that a con­vic­tion against Mr Ass­ange would be extre­mely dif­fi­cult if he was sim­ply the pas­sive reci­pi­ent of the mate­rial dis­se­mi­na­ted by Pri­vate Man­ning. Any evi­dence that he had actively faci­li­ta­ted the leak, howe­ver, would make extra­di­tion and a suc­cess­ful case much more feasible.

Offen­sicht­lich ist Man­ning nur ein Bau­ern­op­fer auf dem Weg, Ass­ange ding­fest zu machen. Daß dabei Men­schen­würde und Men­schen­rechte auf der Stre­cke blei­ben, stört offen­bar nicht wei­ter.
Auch nicht POTUS Barack Obama mit sei­ner “fle­xi­blen Ethik”.

Soviel zum “Land of the Free”!

[Update 2010-​​12-​​23] Abwei­chend von der offi­zi­el­len Dar­stel­lung der US-​​Army sind Man­nings Haft­be­din­gun­gen offen­bar außer­ge­wöhn­lich streng. Siehe den ent­spre­chen­den neuen Arti­kel dazu, der auf einem aktu­el­len Gespräch eines Freun­des mit Man­ning beruht. [/​Update]

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2 Kommentare

  1. Am 2010-12-20 um 19:14 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Die taz hat gerade einen Arti­kel Fol­tern nach Lehr­buch ver­öf­fent­licht, dem­nach es ähnli­che “Stan­dards” auch bei der bri­ti­schen Armee gibt. Auch Water­boar­ding sei schon vor vier­zig Jah­ren in Nord­ir­land ein­ge­setzt worden.

  2. Am 2011-04-16 um 00:03 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Das ist echt nicht mehr fei­er­lich was da vor­geht. Das kann doch wirk­lich nicht sein. Und an den gan­zen Updates und neuen Arti­keln sieht man ja das es an so vie­len Orten prak­ti­ziert wird und nicht auf­hört. Ich bin sprachlos…

    Harry von diehl

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