Samstag, 5. April 2008
Der Bürgerrechtler Hu Jia, aus dessen offenen Brief “The Real China and the Olympics” ich neulich Auszüge veröffentlicht habe, weil er seit Ende Dezember 2007 in Haft ist, wurde am Donnerstag zu 3½ Jahren Haft verurteilt.
Diesen Brief und ähnliche Aktivitäten wertet das Erste Mittlere Volksgericht in Peking als des “Aufruf zur Untergrabung der Staatsgewalt”.
Jia war Ende Dezember festgenommen worden und hatte zuvor zwei Jahre unter Hausarrest gestanden, weil er sich für Menschenrechte, Umweltschutz und HIV-Infizierte engagiert hatte. Seine Verhaftung war weltweit von Politikern und Menschenrechtsgruppen kritisiert worden.
Zuvor hatte sich sich Hu Jia bei einer Anhörung des Europaparlaments über die Menschenrechtslage in China, über das Internet auch kritisch über die Olympischen Spiele in Peking geäußert.
Daher forderte dann auch bei seiner Verhaftung der deutsche Präsident des Europaparlaments, Hans-Gert Pöttering (CDU), seine sofortige Freilassung.
Der Verdacht liegt nahe, daß außer Ha Jiu auch andere Dissidenten vor den Olympischen Spielen eingeschüchtert werden sollen. Gerade hatte Amnesty International die Menschenrechtssituation in China als “beschämend” kritisiert. Ihr vor den Olympischen Spielen gegebenes Versprechen, die Menschenrechte zu verbessern, habe die Regierung in Peking nicht eingehalten.
Das Internationale Olympische Komitee (IOC) will sich aus der Diskussion heraushalten, mahnt aber eine Aufhebung aller Blockaden im Internet in China an. Die rund 30.000 Journalisten sollen so frei wie gewohnt arbeiten könnten. Schließlich geht es um ein Milliardengeschäft.
Mittwoch, 2. April 2008
Seit Mai 2007, als die türkische Nationalversammlung im vergangenen Mai ein restriktives Internetgesetz erlassen hat, nehmen die Fälle von Internetzensur in der Türkei drastisch zu. Auf Anordnung eines türkischen Militärgerichts ist seit dem 21.03. nun auch das alternative Mediennetzwerk Indymedia-Istanbul für Internetnutzer in der Türkei nicht mehr zu erreichen - bislang ohne Begründung. Es wird aber ein Zusammenhang der Sperrung mit kritischen Beiträgen zur Eskalationspolitik in der Kurdenfrage und der überaus großen politischen Macht des Militärs vermutet.
Dieser Vorfall steht in einer längereren Reihe vergleichbarer Ereignisse. In den letzten Monaten geht der türkische Generalstab wieder massiv gegen Kritiker vor. Erst kürzlich wurde auf dessen Betreiben die populäre Menschenrechtlerin Eren Keskin zu einer Freiheitsstrafe verurteilt, weil sie sich im Tagesspiegel kritisch zur die Einmischung der Militärs in die Politik geäußert hatte.
Jenseits der schon gängigen Zensur von Websites kurdischer oder linker Organisationen, sind auch immer mehr populäre Internetforen und Kulturportale betroffen, wie etwa Antoloji.com und Eksi Sözlük.
Weil in einem Blog die Thesen des türkischen Kreationisten Harun Yahya (Weil nicht sein kann, was nicht sein darf) kritisiert wurden und sich der Betreiber WordPress.com geweigert hat, die beanstandeten Beiträge zu entfernen, ist der Zugriff auf die gesamte Blogfarm seit August 2007 gesperrt. Bereits mehrfach war auch das Videoportal YouTube.com von Zensurmaßnahmen betroffen, weil dort Inhalte eingestellt waren, die angeblich die “Ehre” von Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk oder des “Türkentums” verletzten (Das “Türkentum” wird auch im Internet geschützt), zuletzt am 13. März, bis sich das Videoportal nach zwei Wochen schließlich der türkischen Zensur beugte und ein unerwünschtes Posting löschte.
Die mit dem neuen Internetgesetz eingeführte Praxis, für einzelne Inhalte, die von mehr oder weniger anonymen Nutzern eingestellt werden, ganze Portale pauschal “in Sippenhaft” zu nehmen, wird von verschiedenen türkischen und internationalen Nichtregierungsorganisationen scharf kritisiert, so etwa von Reporter ohne Grenzen.
Technisch ist die Sperrung über gefälschte DNS-Records umgesetzt, die einfach zu umgehen ist:
Indymedia is being tried to be silenced by censorship, but it’s just a try. The prosecuters of Turkish Republic has not yet learn that the censorship in internet is technically impossible. Indymedia continues its broadcasting. You may access to Indymedia by various ways. Some of them are:
- http://istanbul.bbm.indymedia.org address
- Access through http://anonymouse.org/anonwww.html
- By changing the DNS keys of your network connection.
You may apply 2nd and 3rd methods for all inaccessable/banned sites.
Samstag, 15. März 2008
“And now for something completely different” (Monty Python):
Seit Wochen schon lese ich mit zunehmender Begeisterung das Druckerey-Weblog von Martin Z. Schröder, Drucker in Berlin, das dieser unter dem schönen Leitsatz “Reden ist Silber, Schreiben ist Blei” führt.
Schröder wurde schon als Junge von der Faszination des Schriftsetzens gepackt und absolvierte sogar eine entsprechende Lehre. Nach einem längeren Exkurs in Digitalsatz und Journalismus ging er vor 19 Jahren zurück in den Buchdruck. Seit 14 Jahren betreibt er eine eigene Werkstatt. Außerdem unterrichtet er Studenten des Fachbereichs Design einer Fachhochschule im Bleisatz und schreibt in Tageszeitungen über Typographie.
Sein Weblog ist eine sehr interessante Sammlung von Texten über typographische Themen.
Meist sind diese aus dem Blickwinkel des Setzers geschrieben, der ja auch immer in einer jahrhundertealten Handwerkstradition steht.
Interessant sind sie, weil Schröder den Bogen oft weiter faßt und gut ausgewählte Quellen mit einbezieht.
Interessant für mich, weil auch ich schon als Kind von der “schwarzen Kunst” fasziniert war und sogar ein wenig mit dem Beruf des Schriftdesigners geliebäugelt habe, war doch der Vorläufer der HBK Saar direkt neben unserer Schule und konnte ich mir an den Tagen der offenen Tür einen kleinen Eindruck von deren Arbeit verschaffen.
In Schröders neuestem Beitrag geht es um Handschriften, ihre Entwicklung und ihre Überarbeitung.
Er schreibt über Florian Hardwig, der in seiner Arbeit über Dialekte der Handschriften untersucht hat, inwieweit in die der Grundschule erlernten Schreibweisen die Handschriften in den einzelnen Ländern und Regionen prägen (Weiteres Material: Artikel aus der PAGE 07/2007, 4.8 MB PDF, Bilder der Diplomarbeit, ein Vortrag Hardwigs, 3.5 MB PDF).
Besonders interessant finde ich — nicht nur weil S. dieses Jahr in die Schule kommt — die Versuche, die Schulschrift endlich mal schülergerecht zu überarbeiten. Da gibt es die Kritik von Gerrit Noordzij “Das Kind und die Schrift” (1,5 MB PDF) aber eben auch einen sehr gelungenen Gegenentwurf: Die schlüssige An- und Herleitung einer neuen Schulschrift des Schriftentwerfers Hans Eduard Meier (3,8 MB PDF), der mit seiner Schrift Syntax sehr bekannt wurde. Sein Buch ist alleine schon wegen des historischen Teils zur Entstehung unserer Schreibschrift lesenswert und führt auch Reaktionen aus der Praxis auf. Meier listet auch einige andere Schulschrift-Entwürfe auf, die parallel zu seinem entstanden sind.
Dem Artikel über Hardwig in der PAGE habe ich eine weitere Quelle (english) für eine Schulschrift entnommen: Dr. Rosemary Sassoon wollte ursprünglich eine Schrift zum Lesen lernen für Kinder entwickeln. Diese gleichte sie der Schreibschrift der Kinder so weit wie möglich an, um sie auch als Vorlage zum Schreiben lernen zu nutzen. Die Schrift Sassoon dient nun als Schreibmodell in Großbritannien und Teilen Skandinaviens.
Dienstag, 4. März 2008
Der chinesische Menschenrechtler Hu Jia sitzt seit dem Jahreswechsel wegen “Anstiftung zur Subversion” im Gefängnis. Sein offener Brief “The Real China and the Olympics” wurde bereits September 2007 veröffentlicht, aber bisher nicht übersetzt. Bis dahin deckte er mit Videos vom Hausarrest, Blogeinträgen und Podcasts Menschenrechtsverletzungen und Mißstände auf. Es gilt unverändert, dass China noch immer eine Diktatur ist.
Die Situation wird aktuell vom britischen Guardian dargestellt und die Übersetzung veröffentlicht:
When you come to the Olympic Games in Beijing, you will see skyscrapers, spacious streets, modern stadiums and enthusiastic people. You will see the truth, but not the whole truth, just as you see only the tip of an iceberg. You may not know that the flowers, smiles, harmony and prosperity are built on a base of grievances, tears, imprisonment, torture and blood.
We are going to tell you the truth about China. We believe that for anyone who wishes to avoid a disgraceful Olympics, knowing the truth is the first step.
Die Übersetzung ist bei Human Rights Watch nachzulesen, und für die blauäugigen Olympia-bringt-Glückseligkeit-Fraktion zu empfehlen.
“The longer Hu Jia is in detention, the worse China’s image will be,” said Sophie Richardson, Asia advocacy director at Human Rights Watch. “With fewer than six months to go before the Olympics, the Chinese government has everything to gain and nothing to lose by releasing him.”
Auch Anmesty International ist in diesem Fall mit einer Urgent Action bis zum 15. März aktiv und fordert “Gold für Menschenrechte”.
1:1 übernommen von netzpolitik.org, dort wird auf die China Digital Times verwiesen.
Freitag, 18. Januar 2008
Bald hat China mit seinen 210 Millionen Internetnutzern die USA eingeholt, die nur mit etwa 5 Millionen Internetnutzern mehr die Statistik anführen. In Kürze werden die USA überholt sein, denn in China wächst die Nutzung rapide: Im letzen halben Jahr sind etwa 48 Millionen Internetnutzer dazugekommen, das entspricht einem Wachstum von 30%. Betrachtet man das ganze vergangene Jahr, so waren es 73 Millionen neue Internetnutzer.
Die Nutzungsquote ist aber noch gering — das Potenzial also erheblich. Erst 16% der Chinesen nutzen das Internet (zum Vergleich: 63% der Deutschen). Dabei führen die Städte, dort leben 47% aller Internetnutzer. Umkehrt ist vor Allem in den Großstädten fast jeder zweite Städter auch im Internet, in Peking 47% und Shanghai 46%. In ländlichen Provinzen wie Guizhou oder Gansu sind es nicht mal 10% der Bevölkerung. Allerdings ist dort auch die Zuwachsrate mit 128% sehr viel höher als in den Städten mit 38%.
Die Mehrheit der chinesischen Internetnutzer ist männlich (57% gegenüber 43% Frauen).
78% der Internetnutzer haben einen Breitbandanschluß, 24% sind auch mobil im Netz.
Zugleich ist China eines der Länder mit der der strengsten Zensur von Medien und Internet. China betreibt die “Great Firewall” (in Anlehnung an die Chinesische Mauer, die “Great Wall”, so genannt). Übergriffe gegen Journalisten sind an der Tagesordnung, drakonische Strafen die Regel. Reporter ohne Grenzen nennt China zusammen mit Kuba” weiterhin eines der größten Gefängnisse für Journalisten”. Vor wenigen Tagen wurde von der lokalen Polizei der Blogger und Bürgerjournalist Wei Wenhua beim Filmen eines Polizeieinsatzes zu Tode geprügelt.
Auch wenn das mit dem jüngsten Fall nicht in Zusammenhang steht:
Die großen westlichen Internetkonzerne, allen voran Yahoo und Google, haben sich in der Vergangenheit als willige Erfüllungsgehilfen präsentiert. Unter dem Vorwand, man müsse ja schließlich mit der lokalen Regierung zu deren Bedingungen zusammenarbeiten, wurden Dossiers von Dissidenten zusammengestellt und den Regierungsbehörden übergeben. In Folge wurden die Betreffenden verhaftet und verurteilt.
Ihre Motivation ist eindeutig, sie möchten an dem riesigen Geschäft, das das Internet in China bietet, teilhaben. Im Moment kann Google erst in größeren Städten der größten chinesischen Suchmaschine Baidu signifikant Nutzerschaft abjagen: Googles Anteil an Suchanfragen beträgt in großen Städten 22%, in mittleren 15%, in kleinen 5%, weit entfernt von Baidu mit seinen 67%, 73% und 84%.
Moralische Aspekte — gerne tönt Google ja “Don’t Be Evil!” — bleiben offenbar auf der Strecke.
Geht man von einem ähnlichen Sättigungsgrad wie bei uns aus, so gibt es in China noch rund 825 Millionen potenzielle Internetnutzer. Um diesen gigantischen Markt geht es.
Trotz der massiven Restriktionen sind die Chinesen nämlich sehr aktiv im Internet. Nach Hochrechnung einer Umfrage haben dort 47 Millionen Internetnutzer schon einmal ein Blog ausprobiert (22%). Auch hier ist das Wachstum enorm, vor einem Jahr waren es erst 17,5 Millionen Blogger. Offenbar sind 30 Millionen nicht dabei geblieben, denn die aktiven Blogger sind etwa 17 Millionen mit etwa 29 Millionen aktiven Blogs (von insgesamt etwa 73 Millionen Blogs). Darüberhinaus wollen 11% der befragten Internetnutzer demnächst mit dem Bloggen beginnen.
Interessant Randnotiz: Obwohl bei den Internetnutzern 57% Männer sind, gegenüber 43% Frauen, verhält es sich bei den Bloggern genau umgekehrt: 57% Frauen und 43% Männer.
Bürgerjournalisten wie der totgeprügelte Wei Wenhua sind offenbar eher die Ausnahme, primär steht die Bloggerin bzw. der Blogger im Mittelpunkt des Blogs (bei fast der Hälfte der Blogs). Gelesen werden die Blogs vor Allem der Unterhaltung wegen.
Allerdings versucht die chinesische Regierung gerade verstärkt, die Blogger unter Kontrolle zu bekommen. Vergangenes Jahr kündigte sie an, Blogs stärker zu kontrollieren. Vor zwei Wochen wurde Privatpersonen verboten, ihre Videos über das Internet zu verbreiten. Bislang stellten sie bei weitem die Mehrheit der Beiträge.
Gut möglich, daß auch Wei Wenhuas Tod in diesem Zusammenhang gesehen werden muß.
Dieser Artikel basiert auf offiziellen Statistiken des China Network Information Center (CNNIC), veröffentlicht u.A. bei Golem hier und da.
Siehe zu chinesischen Bloggern auch meinen Artikel vor eineinviertel Jahren und zur Kritik an Unternehmen wie Google und Yahoo meinen Artikel dort.