Mittwoch, 25. Juni 2008

Studie: Journalisten schreiben voneinander ab

Ernüchternd - Das miese Image von Journalisten“, so faßt der NDR in einem Video (via Ronnie Grobs “Medienlese“) das mangelnde Prestige von Journalisten zusammen:

“Journalisten haben einen schlechten Ruf: Zu dreist, zu unmoralisch, zu wenig Distanz und zuviel PR in der Berichterstattung.
In Meinungsumfragen ist das Prestige von Presseleuten vergleichbar mit dem von Politikern und Gewerkschaftern: Am unteren Ende der Skala.”

Ausgerechnet Thomas Leif vom “netzwerk Recherche” tritt darin als Wahrer hehrer journalistischer Ansprüche auf, derselbe, der von Thomas Knüwer in seinem Beitrag “Thomas Leif, Duck and Circumstance” als Musterbeispiel für die Vermischung privater und beruflicher Interessen vorgeführt wird. Im Sinne obigen Zitats scheint Leif seinem Ruf gerecht zu werden.

Passend dazu ist eine Studie der Landesanstalt für Medien in Nordrhein-Westfalen (LfM) erschienen.
Demnach greifen Journalisten bei ihrer Recherche im Internet vor Allem auf andere journalistische Erzeugnisse zurück, anstatt die Primärquellen zu recherchieren. So lautet das Fazit der Studie (Ausschnitte aus der Zusammenfassung, s.u.):

  • “Eine Überprüfungsrecherche findet kaum noch statt.
  • Journalisten beobachten die Nachrichten- und Themenlage vor allem mit der Hilfe von Agenturen und anderen Medien. Websites von Regierungen oder Institutionen sind nicht von Bedeutung.
  • Fast die Hälfte aller Zusatzquellen wird mit Hilfe von Suchmaschinen recherchiert. Wer dort nicht oben erscheint, hat kaum Chancen, von Journalisten in ihrem Rechercheprozess wahrgenommen zu werden.
  • Der Computer verstärkt den Hang zur Selbstreferentialität.
  • Webangebote redaktioneller Medien haben neben den Suchmaschinen Google und Yahoo sowie der Online-Enzyklopädie Wikipedia die größte Bedeutung für Journalisten bei der Online-Nutzung.
  • Die meisten Journalisten recherchierten befriedigend, aber nicht gut.
  • Nachrichtensuchmaschinen werden von vielen Journalisten genutzt.
  • Nachrichtensuchmaschinen greifen auf wenige Quellen zurück – und diese sind auch noch die bekannten und reichweitenstarken Angebote
  • Auch interessengeleitete Kommunikatoren mischen sich unter die Quellen von Nachrichtensuchmaschinen

Die Studie (ISBN 978-3-89158-480-4) ist in der Schriftenreihe Medienforschung der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen erschienen und kann für 23 Euro bestellt werden. Abstract, Zusammenfassung und Handlungsempfehlungen der Studie können als PDF (119 KB) heruntergeladen werden (via golem.de).

Freitag, 18. Januar 2008

China beinahe größte Internet-Nation und “größtes Gefängnis für Journalisten”

Wappen Volksrepublik China (Wikipedia)Bald hat China mit seinen 210 Millionen Internetnutzern die USA eingeholt, die nur mit etwa 5 Millionen Internetnutzern mehr die Statistik anführen. In Kürze werden die USA überholt sein, denn in China wächst die Nutzung rapide: Im letzen halben Jahr sind etwa 48 Millionen Internetnutzer dazugekommen, das entspricht einem Wachstum von 30%. Betrachtet man das ganze vergangene Jahr, so waren es 73 Millionen neue Internetnutzer.

Die Nutzungsquote ist aber noch gering — das Potenzial also erheblich. Erst 16% der Chinesen nutzen das Internet (zum Vergleich: 63% der Deutschen). Dabei führen die Städte, dort leben 47% aller Internetnutzer. Umkehrt ist vor Allem in den Großstädten fast jeder zweite Städter auch im Internet, in Peking 47% und Shanghai 46%. In ländlichen Provinzen wie Guizhou oder Gansu sind es nicht mal 10% der Bevölkerung. Allerdings ist dort auch die Zuwachsrate mit 128% sehr viel höher als in den Städten mit 38%.

Die Mehrheit der chinesischen Internetnutzer ist männlich (57% gegenüber 43% Frauen).
78% der Internetnutzer haben einen Breitbandanschluß, 24% sind auch mobil im Netz.

Zugleich ist China eines der Länder mit der der strengsten Zensur von Medien und Internet. China betreibt die “Great Firewall” (in Anlehnung an die Chinesische Mauer, die “Great Wall”, so genannt). Übergriffe gegen Journalisten sind an der Tagesordnung, drakonische Strafen die Regel. Reporter ohne Grenzen nennt China zusammen mit Kuba” weiterhin eines der größten Gefängnisse für Journalisten”. Vor wenigen Tagen wurde von der lokalen Polizei der Blogger und Bürgerjournalist Wei Wenhua beim Filmen eines Polizeieinsatzes zu Tode geprügelt.

Auch wenn das mit dem jüngsten Fall nicht in Zusammenhang steht:
Die großen westlichen Internetkonzerne, allen voran Yahoo und Google, haben sich in der Vergangenheit als willige Erfüllungsgehilfen präsentiert. Unter dem Vorwand, man müsse ja schließlich mit der lokalen Regierung zu deren Bedingungen zusammenarbeiten, wurden Dossiers von Dissidenten zusammengestellt und den Regierungsbehörden übergeben. In Folge wurden die Betreffenden verhaftet und verurteilt.

Ihre Motivation ist eindeutig, sie möchten an dem riesigen Geschäft, das das Internet in China bietet, teilhaben. Im Moment kann Google erst in größeren Städten der größten chinesischen Suchmaschine Baidu signifikant Nutzerschaft abjagen: Googles Anteil an Suchanfragen beträgt in großen Städten 22%, in mittleren 15%, in kleinen 5%, weit entfernt von Baidu mit seinen 67%, 73% und 84%.

Moralische Aspekte — gerne tönt Google ja “Don’t Be Evil!” — bleiben offenbar auf der Strecke.

Geht man von einem ähnlichen Sättigungsgrad wie bei uns aus, so gibt es in China noch rund 825 Millionen potenzielle Internetnutzer. Um diesen gigantischen Markt geht es.

Trotz der massiven Restriktionen sind die Chinesen nämlich sehr aktiv im Internet. Nach Hochrechnung einer Umfrage haben dort 47 Millionen Internetnutzer schon einmal ein Blog ausprobiert (22%). Auch hier ist das Wachstum enorm, vor einem Jahr waren es erst 17,5 Millionen Blogger. Offenbar sind 30 Millionen nicht dabei geblieben, denn die aktiven Blogger sind etwa 17 Millionen mit etwa 29 Millionen aktiven Blogs (von insgesamt etwa 73 Millionen Blogs). Darüberhinaus wollen 11% der befragten Internetnutzer demnächst mit dem Bloggen beginnen.
Interessant Randnotiz: Obwohl bei den Internetnutzern 57% Männer sind, gegenüber 43% Frauen, verhält es sich bei den Bloggern genau umgekehrt: 57% Frauen und 43% Männer.

Bürgerjournalisten wie der totgeprügelte Wei Wenhua sind offenbar eher die Ausnahme, primär steht die Bloggerin bzw. der Blogger im Mittelpunkt des Blogs (bei fast der Hälfte der Blogs). Gelesen werden die Blogs vor Allem der Unterhaltung wegen.

Allerdings versucht die chinesische Regierung gerade verstärkt, die Blogger unter Kontrolle zu bekommen. Vergangenes Jahr kündigte sie an, Blogs stärker zu kontrollieren. Vor zwei Wochen wurde Privatpersonen verboten, ihre Videos über das Internet zu verbreiten. Bislang stellten sie bei weitem die Mehrheit der Beiträge.

Gut möglich, daß auch Wei Wenhuas Tod in diesem Zusammenhang gesehen werden muß.

Dieser Artikel basiert auf offiziellen Statistiken des China Network Information Center (CNNIC), veröffentlicht u.A. bei Golem hier und da.

Siehe zu chinesischen Bloggern auch meinen Artikel vor eineinviertel Jahren und zur Kritik an Unternehmen wie Google und Yahoo meinen Artikel dort.

Sonntag, 1. April 2007

“Dark porcelain” project — Google als Toilet Internet Service Provider (TiSP)

TiSP Logo

Unter dem Schlagwort “Want WiFi around? Just flush it down.” kündigt Google einen neuen Service an. Wie heise.de schreibt, ist es wohl “ein – wahrscheinlich nur heute buchbares – neues Angebot”.

Liebevoll gemacht, inklusive FAQ, bebilderter Installationsanleitung, Diskussionsgruppe TiSP Help Group und Presseerklärung.

Aus der Presseerklärung:

“Dark porcelain” project offers self-installed plumbing-based Internet access

MOUNTAIN VIEW, Calif., April 1, 2007 - Google Inc. (NASDAQ: GOOG) today announced the launch of Google TiSP (BETA)™, a free in-home wireless broadband service that delivers online connectivity via users’ plumbing systems. The Toilet Internet Service Provider (TiSP) project is a self-installed, ad-supported online service that will be offered entirely free to any consumer with a WiFi-capable PC and a toilet connected to a local municipal sewage system.

Laut FAQ ist für eine besonders schnelle Verbindung mit 32 MBit/s ein kostenpflichtiger Service namens “Royal Flush” für 25 US-Dollar/Monat notwendig. Die niedrigste Rate heißt “Trickle” (”Rinnsal”).
Die FAQ schließt mit den Worten “Why is TiSP in beta? — When things go wrong with TiSP, they go very, very wrong. Let’s leave it at that.”

Dienstag, 12. September 2006

Google nutzt das AAL-Prinzip

AAL-Prinzip? AAL-Prinzip! Es steht für “Andere arbeiten lassen“.

In einem “Spiel” sollen Google-Nutzer Bilder aus der Google-Bildersuche mit Schlüsselbegriffen versehen (im Web-2.0-Jargon “taggen”). Als großzügige “Entlohnung” gibt es Punkte.

Der Zweck des Ganzen: die Benutzer einspannen, um die Qualität des Bildindex’ zu verbessern.

Via heise.de und golem.

Montag, 24. Juli 2006

EU-Parlament fordert Meinungsfreiheit im Internet — Kritik an Yahoo, Google, Microsoft und anderen

Vor zwei Wochen hat das EU-Parlament eine Resolution zur Meinungsfreiheit im Internet (”Freedom of expression on the internet“) verabschiedet. Meine folgende Übersetzung enthält praktisch alle Passagen:

Das Europäische Parlament hat soben eine Resolution verabschiedet, die von Regierungen auferlegte Beschränkungen für Inhalte im Internet verurteilt, die im Widerspruch zur freien Meinungsäußerung stehen. Es hebt hervor, daß die freien Meinungsäußerung ein Schlüsselwert ist. der von allen EU-Ländern geteilt wird und daß zu seiner Verteidigung konkrete Maßnahmen notwendig sind.

Die Resolution […] stellt die Bedeutung der Informationsgesellschaft für Demokratie, Menschenrechte und grundlegende Freiheitsrechte heraus. Dies schließt die Freiheit bei Empfang und Zugang zu Informationen ein.

Das Europäische Parlament hebt hervor, daß sich der Kampf um freie Meinungsäußerung weitgehend ins Internet verlagert hat und es weltweit zum Kommunikationsmittel der Wahl für politische Dissidenten, Demokratie-Aktivisten, Menschenrechtler und Journalisten geworden ist.

Zugleich arbeiten autoritäre Regimes an immer weiterreichenden Methoden, das Internet zu kontrollieren. Mitglieder des Parlaments heben China, Weißrussland, Myanmar, Kuba, Iran, Libyen, Malediven, Nepal, Nordkorea, Saudi-Arabien, Syrien, Tunesien, Turkmenistan, Usbekistan und Vietnam hervor. Sie sagen auch, viele Cyberdissidenten säßen im Moment in Gefängnissen, die meisten davon in China.

Die Resolution macht außerdem auf die Rolle westlicher Unternehmen aufmerksam, indem sie sagt, daß die Mittel für Zensur und Überwachung des Web häufig von Firmen mit Hauptsitz in demokratischen Staaten geliefert werden.

Die Resolution hebt Yahoo, Google und Microsoft hervor, die sich von der chinesischen Regierung haben überzeugen lassen, die Zensur ihrer im chinesischen Markt verfügbaren Dienste zu erleichtern. Westliche Firmen wie Cisco, Telecom Italia und Wanadoo (eine Tochter der France Telecom) hätten Geräte und Technik geliefert, mit denen Regierungen das Web zensieren würden, sagte das Parlament.

Die Parlamentsmitglieder begrüßen den im Februar 2006 in die US-Legislative eingebrachten Entwurf des “Global On-line Freedom Act”, der die Aktivitäten von Internetfirmen in repressiven Staaten regelt.

Sie sind überzeugt, daß auch die EU für die Rechte ihrer Internet-Nutzer einstehen muß. Sie fordern daher den EU-Rat und die Mitgliedsländer auf, einer gemeinsamen Erklärung zuzustimmen, in der sie sich weltweit dem Schutz der Rechte der Internetnutzer und der Verbreitung der freien Meinungsäußerung im Internet verpflichten.

Darüberhinaus werden Komission und Rat aufgefordert, folgende Schritte zu unternehmen:

  • auf die Autoritäten von Ländern, die Journalisten und andere inhaftiert haben, weil sie Meinungen im Internet veröffentlicht haben, Druck auszuüben, damit diese sofort freigelassen werden,
  • einen freiwilligen Verhaltenskodex zu entwerfen, der die Aktivitäten von Firmen in repressiven Staaten begrenzt,
  • bei Hilfsprogrammen mit Drittländern den Bedarf von deren Bürgern für freien Internetzugang zu berücksichtigen.
Sonntag, 16. Juli 2006

Kostenlose Bücher zu Google und Internetrecht

Das Buch “55 Ways to Have Fun With Google”, das unter Creative-Commons-Lizenz erschienen ist, kann hier kostenlos heruntergeladen werden.

Das “Skriptum Internet-Recht” von Thomas Hoeren, Juraprofessor an der Universität Münster, liegt in der mittlerweile sechsten Auflage vor und kann hier als PDF heruntergeladen werden.

Weitere kostenlose Bücher sind in meinen Artikeln “Joomla-OpenBook erschienen“, “Neue OpenBooks von O’Reilly” und “Weitere OpenBooks” beschrieben.

Via Golem und Heise.